Interview: Von den Daten zum Handeln – Ein Einblick in die Bemühungen, „One Health“ in der Politik zu verwirklichen
Interview-Partnerin
Gaia Bertarelli ist außerordentliche Professorin für Sozialstatistik am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Ca’ Foscari in Venedig. Ihre Forschung konzentriert sich auf statistische Methoden zur Integration komplexer Daten, darunter Schätzungen für kleine Gebiete, robuste Statistik, Modelle mit latenten Variablen, mehrdimensionale Indikatoren sowie Methoden zur Kombination verschiedener Datenquellen.
Ihre angewandte Forschung befasst sich mit Gesundheitssystemen, sozialen Ungleichheiten, Armut, geschlechtsspezifischen Unterschieden und nachhaltigem Wohlbefinden.
Im Rahmen von PLANET4HEALTH steht ihr Beitrag in engem Zusammenhang mit dem Ziel des Projekts, fragmentierte Umwelt-, Gesundheits- und sozioökonomische Daten in Erkenntnisse umzuwandeln, die gerechtere, zeitnahe und umsetzbare politische Entscheidungen unterstützen können.
Fragen
Das Projekt PLANET4HEALTH verfolgt eine wichtige und dringende Mission: Wissenschaft in Politik umzusetzen.
Wie trägt aus Ihrer Sicht an der Universität Ca’ Foscari der Schwerpunkt Ihres Teams auf Datenanalyse, gesundheitliche Ungleichheiten und Klimavulnerabilitäten dazu bei, diese Lücke zu schließen und was ist die größte Herausforderung bei der Umsetzung solch komplexer Umweltrisikodaten in wirksame politische Maßnahmen?
An der Ca’ Foscari besteht unsere Aufgabe darin, komplexe Umwelt- und Gesundheitsdaten in Informationen umzuwandeln, die auf der Ebene, auf der Entscheidungen tatsächlich getroffen werden, aussagekräftig sind. Es reicht nicht aus, festzustellen, dass der Klimawandel oder Umweltverschmutzung die Gesundheit beeinträchtigen. Akteure in Politik und Verwaltung müssen wissen, welche Bevölkerungsgruppen und Gebiete am anfälligsten sind, wie sich die Risiken verteilen und wo eine Maßnahme die größte Wirkung erzielen könnte.
Deshalb kombinieren wir Umwelt-, Klima-, Gesundheits- und sozioökonomische Informationen und nutzen statistische Methoden, mit denen sich Ungleichheiten aufdecken lassen, die in nationalen oder regionalen Durchschnittswerten verborgen sein können. Dies ist besonders wichtig für gefährdete Gruppen und kleinere geografische Gebiete, in denen herkömmliche Indikatoren möglicherweise kein ausreichend detailliertes oder zuverlässiges Bild liefern.
Die größte Herausforderung ist nicht einfach die Datenmenge. Es ist die Heterogenität der Daten: Sie stammen von verschiedenen Institutionen, decken unterschiedliche Zeiträume ab, verwenden unterschiedliche geografische Maßstäbe und weisen unterschiedliche Qualitäts- und Zugänglichkeitsniveaus auf. Wir müssen diese Einschränkungen und Unsicherheiten kommunizieren, ohne die Ergebnisse unbrauchbar zu machen. Gute politische Erkenntnisse müssen wissenschaftlich fundiert sein, aber sie müssen auch interpretierbar, zeitnah und mit realistischen Handlungsoptionen verknüpft sein.
PLANET4HEALTH wurde genau zu diesem Zweck konzipiert, um dieser Fragmentierung entgegenzuwirken und untereinander kompatible Instrumente zu entwickeln, die die Vorsorge und politische Entscheidungen unterstützen können.
Ein zentrales Element der „Horizon Europe“-Projekte ist die Steuerung und PLANET4HEALTH legt großen Wert auf einen kontinuierlichen Dialog mit seinem externen Beirat (EAB).
Können Sie ein Beispiel nennen, wie das Feedback des EAB die Entwicklung Ihrer technischen Instrumente und Frühwarnsysteme direkt beeinflusst hat?
Ein wichtiger Beitrag des Externen Beirats bestand darin, uns daran zu erinnern, dass technische Instrumente von Anfang an mit Blick auf ihre Endnutzer konzipiert werden müssen. Ein Frühwarnsystem ist nicht allein deshalb nützlich, weil es eine Vorhersage liefert; es wird dann nützlich, wenn Behörden das Signal verstehen, ihm vertrauen und wissen, welche Maßnahmen es auslösen sollte.
So hat uns das Feedback des EAB beispielsweise bei der Entwicklung unserer digitalen Instrumente und Frühwarnansätze dabei geholfen, den Fokus nicht nur auf die Modellleistung zu legen, sondern auch auf die Interpretierbarkeit, die Vergleichbarkeit zwischen Fallstudien und die Benutzerfreundlichkeit für Entscheidungsträger.
Das bedeutet, Fragen zu berücksichtigen wie: Welche Indikatoren sind für lokale Behörden am relevantesten? Wie sollte Unsicherheit visualisiert werden? Welcher Grad an räumlicher Detailgenauigkeit ist sinnvoll, ohne eine irreführende Präzision zu erzeugen? Und wie können Warnmeldungen mit realisierbaren Vorsorge- oder Präventionsmaßnahmen verknüpft werden?
Dieses Feedback hat uns dazu angeregt, die Plattform nicht als rein wissenschaftliches Ergebnis, sondern als Umfeld zur Entscheidungsunterstützung zu betrachten. Die Tools müssen es den Nutzenden ermöglichen, Daten zu erkunden, Risikofaktoren zu verstehen und mögliche Szenarien zu vergleichen. In diesem Sinne hilft uns der EAB dabei, die Arbeit an den praktischen Anforderungen der Politik auszurichten, anstatt Modelle zu entwickeln, die nur in der Forschungsgemeinschaft verbleiben.
Die Auseinandersetzung mit vielfältigen Fallstudien, von der Luftverschmutzung in Südafrika bis hin zur Lebensmittelsicherheit in Mitteleuropa, erfordert einen umfassenden Überblick.
Wie hilft Ihnen das EAB dabei, eine ganzheitliche globale Perspektive zu bewahren und gleichzeitig stark lokal begrenzte Umweltprobleme anzugehen?
Die Vielfalt der Fallstudien ist eine der Stärken von PLANET4HEALTH, stellt aber auch eine methodische und organisatorische Herausforderung dar. Luftverschmutzung in Südafrika, Lebensmittelkontamination in Mitteleuropa, durch Vektoren übertragene Krankheiten und klimabedingtes psychisches Wohlbefinden sind sehr unterschiedliche Themen. Sie betreffen unterschiedliche Datenquellen, Institutionen, Expositionswege und politische Kontexte. Gleichzeitig werfen sie alle eine gemeinsame Frage auf: Wie wirkt sich Umweltzerstörung auf die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen aus und wie können Gesellschaften früher und wirksamer darauf reagieren?
Der EAB hilft uns dabei, diesen gemeinsamen Rahmen aufrechtzuerhalten. Er bringt eine externe Perspektive ein, die nicht auf eine Fallstudie oder eine Disziplin beschränkt ist. Dies ist sehr wertvoll, da es uns dazu anregt, herauszufinden, was kontextübergreifend übertragbar ist: gemeinsame Indikatoren, gemeinsame Grundsätze für die Datenintegration, vergleichbare Ansätze zur Vulnerabilität und gemeinsame Standards für die Kommunikation von Unsicherheiten.
Gleichzeitig trägt das EAB dazu bei, sicherzustellen, dass wir keinen einheitlichen Ansatz für alle Fälle vorschreiben. Der lokale Kontext spielt eine enorme Rolle. Datenverfügbarkeit, institutionelle Kapazitäten, kulturelle Praktiken und politische Prioritäten unterscheiden sich von Ort zu Ort. Die Herausforderung besteht darin, Instrumente und Erkenntnisse zu entwickeln, die allgemein genug sind, um repliziert zu werden, aber flexibel genug, um vor Ort von Bedeutung zu sein. Das EAB unterstützt genau dieses Gleichgewicht zwischen globaler Kohärenz und lokaler Relevanz.
Die Politikgestaltung folgt oft anderen Zeitplänen als die wissenschaftliche Forschung.
Welche konkreten Strategien setzt PLANET4HEALTH um, um sicherzustellen, dass lokale und europäische Entscheidungsträger nicht erst am Ende des vierjährigen Zyklus Daten erhalten, sondern während des gesamten Prozesses einbezogen werden?
Wir betrachten die Einbindung als Teil des Forschungsprozesses und nicht als Kommunikationsmaßnahme, die erst nach Abschluss der Forschung beginnt. Die Interessengruppen werden in die Identifizierung von Problemen, die Auswertung verfügbarer Daten, die Definition nützlicher Ergebnisse und die Diskussion darüber einbezogen, wie sich die Instrumente in bestehende Entscheidungsprozesse einbinden lassen.
Bereits im ersten Projektjahr wurden Workshops mit Interessengruppen zum Frühwarnsystem für vektorübertragene Krankheiten, zur Einführung von Instrumenten zur Luftverschmutzungsüberwachung in Südafrika und zu einem Frühwarnsystem für PFAS und andere Schadstoffe in Mitteleuropa organisiert.
Die südafrikanische Fallstudie veranschaulicht den Wert dieses kontinuierlichen Dialogs. Die Forschenden arbeiteten direkt mit Regierungsbehörden zusammen, um deren unmittelbare Anliegen zu verstehen. Eine Diskussion über die Müllabfuhr und eine Rattenplage deckte einen Zusammenhang mit informeller Müllverbrennung und Luftverschmutzung auf. Indem sie sich anhörten, womit die Behörden in der Praxis zu kämpfen hatten, konnten die Forschenden einen konkreten Bereich identifizieren, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse Maßnahmen untermauern konnten und trugen dazu bei, Vertrauen zwischen den Parteien aufzubauen.
Neben lokalen Workshops nutzt das Projekt seinen externen Beirat, Konsortiums Besprechungen, Policy Briefs, Schulungsmaßnahmen und die Zusammenarbeit mit dem übergeordneten „Planetary Health Cluster“, um wiederkehrende Berührungspunkte mit Akteuren aus Politik und Verwaltung zu schaffen. So kann Feedback die Forschung beeinflussen, solange noch Zeit für Anpassungen bleibt.
Die Fragmentierung von Daten über verschiedene Institutionen hinweg ist ein bekannter Engpass.
Inwiefern werden die von der Ca’ Foscari und ihren Partnern entwickelten frei zugänglichen digitalen Plattformen und Tools die Behörden in die Lage versetzen, wirklich „proaktive“, statt „reaktive“ Entscheidungen zu treffen?
Ein proaktives System führt Informationen zusammen, die normalerweise getrennt betrachtet werden. Anstatt darauf zu warten, dass Daten zu Sterblichkeit, Erkrankungen oder Kontaminationen offenbaren, dass eine Krise bereits eingetreten ist, können Behörden Umweltbedingungen, Expositionsmuster, gefährdete Bevölkerungsgruppen und sich abzeichnende Trends innerhalb eines integrierten Systems untersuchen.
PLANET4HEALTH zielt darauf ab, bestehende und neue Daten zu sammeln und zu organisieren, miteinander kompatible digitale Prototypen zu entwickeln und Behörden sowie Forschenden frei zugängliche Tools und Forschungsmaterialien zur Verfügung zu stellen. Diese Werkzeuge sollen den Nutzenden helfen, von der Frage „Was ist passiert?“ zu den Fragen „Wo steigt das Risiko, wer ist wahrscheinlich betroffen und welche Maßnahmen können jetzt ergriffen werden?“ überzugehen.
Offener Zugang allein reicht jedoch nicht aus. Daten müssen dokumentiert, verglichen, ethisch verantwortungsvoll verwaltet und in verständlicher Form dargestellt werden. Die Steuerung im Bereich der planetarischen Gesundheit muss zudem Daten zu Tieren, Umwelt und Ernährungssystemen einbeziehen, anstatt sich ausschließlich auf Datensätze zur menschlichen Gesundheit zu stützen.
Wenn Sie schließlich auf den Abschluss des Projekts blicken: Wie würde für Sie eine „erfolgreiche politische Wirkung“ aussehen? Was ist das wichtigste Vermächtnis, das PLANET4HEALTH Ihrer Hoffnung nach, im Bereich der weltweiten Gesundheitspolitik hinterlassen wird?
Für mich würde eine erfolgreiche politische Wirkung bedeuten, dass PLANET4HEALTH nicht nur ein Forschungsprojekt bleibt, sondern Teil der Denk- und Handlungsweise von Institutionen im Umgang mit Umwelt- und Gesundheitsrisiken wird. Ein starkes Ergebnis wäre es, wenn unsere Instrumente, Indikatoren und methodischen Ansätze von Behörden genutzt würden, um Prävention, Anpassung und eine stärker integrierte Planung zu unterstützen.
Erfolg würde auch bedeuten, dass das Projekt Akteuren in Politik und Verwaltung hilft, gesundheitliche Ungleichheiten als wesentlichen Bestandteil der Umweltpolitik anzuerkennen. Klima- und Umweltrisiken sind nicht gleichmäßig verteilt und die Politik sollte dies widerspiegeln. Wenn unsere Arbeit Institutionen dabei hilft, gefährdete Gebiete und Bevölkerungsgruppen früher zu identifizieren und gezieltere Maßnahmen zu entwickeln, dann hat das Projekt einen bedeutenden Beitrag geleistet.
Das Vermächtnis, das PLANET4HEALTH hoffentlich hinterlässt, ist ein praktisches Modell für die Steuerung der globalen Gesundheit: interdisziplinär, datengestützt, transparent und handlungsorientiert. Das bedeutet engere Verbindungen zwischen Forschenden, Behörden, Bürgerinnen und Bürgern und anderen Interessengruppen; eine bessere Integration fragmentierter Daten; sowie Instrumente, die dabei helfen, frühe Signale in frühzeitiges Handeln umzusetzen.
Letztendlich geht es nicht nur darum, Wissen zu generieren, sondern dieses Wissen nutzbar zu machen. Wenn PLANET4HEALTH dazu beiträgt, eine „One Health“- und eine planetarische Gesundheitsperspektive in alltäglichen politischen Entscheidungen zu verankern, dann wird seine Wirkung über das formelle Ende des Projekts hinaus anhalten.
Quellen und weiterführende Literatur
Projektübergreifende Zusammenarbeit
Über das Projekt:
PLANET4HEALTH – TRANSLATING SCIENCE INTO POLICY: Ein sektorübergreifender Ansatz zur Anpassung an und Eindämmung der negativen Auswirkungen von durch Vektoren übertragenen Krankheiten, Umweltverschmutzung und Klimawandel auf die planetare Gesundheit; finanziert von der Europäischen Union. Fördervereinbarung Nr. 101136652. (2024–2028)
Das Projekt auf LinkedIn
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