Skip to main content

Der Publikations-Stresstest: Wie Zielgruppen in der Politik Publikationen scannen

Die wichtigsten Merkmale auf einen Blick

  • Diese Übung simuliert die Arbeit von Mitarbeitenden von Abgeordneten, um bei Forschenden ein Verständnis dafür zu erreichen, was vielbeschäftigte Abgeordnete (Policy-)Publikationen lesen.
  • Die Übung kann in Workshops oder im Selbststudium eingesetzt werden: Die Teilnehmenden müssen sich innerhalb von zehn Minuten einen Überblick zu den Kernaussagen von fünf (Policy-)Publikationen verschaffen.
  • Die Übung verdeutlicht die Bedeutung einer übersichtlichen Struktur, leicht auffindbaren Kernaussagen, verständlicher Sprache sowie visuellen Elementen wie Aufzählungspunkten, hervorgehobenen Überschriften, Tabellen und Grafiken.

Wie funktioniert das Format?

Schritt 1: Wählen Sie fünf Publikationen von jeweils zwei bis zwanzig Seiten aus. Vielen Forschenden fällt es schwer, sich in die Lage eines Lesers oder einer Lesering zu versetzen, die sich mit unbekannten Themen befassen muss. Daher ist es wichtig, dass die Publikationen ein breites Spektrum an Themenbereichen abdecken (z. B. Umwelt, Klimawandel, Gesundheit, internationale Sicherheit, Bildung, KI). Wählen Sie zwei gut strukturierte, leicht zugängliche Policy Briefs aus, die ihre Kernaussagen gleich zu Beginn präsentieren. Ich empfehle die Policy Briefs der OECD, von E3G oder der International Crisis Group.

Wählen Sie drei weitere Publikationen aus, beispielsweise wissenschaftliche Veröffentlichungen, die schwieriger zu überblicken sind, da ihnen Elemente wie Zusammenfassungen, Aufzählungspunkte oder Visualisierungen fehlen. Publikationen mit viel Fließtext, Methodenteilen und wissenschaftlichem Fachjargon eignen sich ideal für diese Übung.

 

Schritt 2: Verteilen Sie entweder gedruckte oder elektronische Versionen der Publikationen an die Teilnehmenden zusammen mit den folgenden Anweisungen:

„Sie arbeiten als Mitarbeiter*in eines Mitglied des Parlaments, das heute und morgen einen vollen Terminkalender mit Ausschusssitzungen, Interviews und Podiumsdiskussionen hat. Ihre Chefin oder ihr Chef hat fünf Publikationen per Post erhalten und benötigt Fachwissen zu den darin behandelten Themen. Ihr Chef oder Ihre Chefin muss ein etwa zehnminütiges Telefonat führen und legt die Publikationen auf Ihren Schreibtisch, mit der Bitte, sie nach dem Gespräch über die Kernaussagen zu informieren. Sie haben zehn Minuten Zeit, die Publikationen zu überfliegen. Es ist Ihnen NICHT gestattet, KI zur Zusammenfassung zu nutzen. Können Sie die Kernaussagen innerhalb von zehn Minuten herausarbeiten? Bei welchen Publikationen war dies einfach – und bei welchen ist Ihnen die Identifikation der Kernaussagen schwergefallen?“

 

Schritt 3: Um einen gewissen Zeitdruck zu erzeugen, geben Sie alle zwei Minuten die verbleibende Zeit bekannt. Die Teilnehmenden müssen nach zehn Minuten aufhören. Fragen Sie sie anschließend, ob sie die Kernaussagen in jeder Publikation identifizieren konnten und welche Merkmale ihnen dabei geholfen oder behindert haben.

 

Zu den Merkmalen, die in der Regel hilfreich sind, gehören Zusammenfassungen am Anfang, Aufzählungspunkte, aussagekräftige Überschriften und Unterüberschriften, Tabellen sowie klare, verständliche Diagramme.

Zu den eher hinderlichen Merkmalen gehören dichter Fließtext, allgemeine oder vage Überschriften, Fachjargon sowie langatmige Abschnitte zur Theorie oder zur Methodik.

Bei Gruppen mit bis zu zehn Teilnehmenden empfiehlt es sich, die Ergebnisse im Plenum zu diskutieren, wobei Flipcharts oder interaktive Tools wie Mentimeter zum Einsatz kommen können. Bei größeren Gruppen sollten die Teilnehmenden in Kleingruppen aufgeteilt werden und Karten sowie Stifte erhalten, um ihre Antworten festzuhalten, die anschließend im Plenum vorgestellt und diskutiert werden können.

 

Mögliche Herausforderungen und wie man ihnen begegnet

Die Teilnehmenden könnten die Übung als belastend empfinden oder frustriert reagieren, wenn sie versuchen, Kernaussagen in Veröffentlichungen zu Themen zu identifizieren, die ihnen unbekannt sind. Dies ist beabsichtigt: Akteure in Politik und Verwaltung haben selten viel Zeit und müssen sich regelmäßig mit Publikationen zu verschiedenen Themen auseinandersetzen.

Einige Teilnehmende könnten darauf hinweisen, dass Mitarbeitende in Politik und Verwaltung zunehmend KI-Tools zur Zusammenfassung von Publikationen nutzen. Dies ist eine berechtigte Beobachtung. Doch selbst KI-generierte Zusammenfassungen können mehrere Seiten umfassen. Zudem sind gedruckte Publikationen in vielen Ländern und Institutionen nach wie vor im Einsatz.

 

Aufgaben und Ressourcen

Workshop-Moderatoren

Die Moderatoren sind dafür verantwortlich, die fünf Publikationen auszuwählen und bereitzustellen, entweder in gedruckter oder elektronischer Form. Sie sollten alle fünf Publikationen vor dem Workshop selbst lesen. Die Vorbereitung dauert etwa 60 bis 120 Minuten; die Durchführung der Übung nimmt zwischen 20 und 40 Minuten in Anspruch.

Forschende

Die Teilnehmenden versuchen, die Kernaussagen der Publikationen zu identifizieren und nehmen anschließend an der Diskussion teil. Die Übung und die Diskussion dauern zusammen 20 bis 40 Minuten.

Vertreter und Vertreterinnen in Politik und Verwaltung

Sind Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung anwesend, sollte der Moderator oder die Moderatorin sie in die Diskussion einbeziehen und sie bitten, darzulegen, welche Kriterien eine Publikation erfüllen muss, damit sie diese oder Teile davon lesen.

 

Möchten Sie mehr über das Policy Engagement Toolkit erfahren oder Ihre Erfahrung teilen?

Überlegen Sie, einen Beitrag für das Policy Engagement Toolkit zu verfassen? Konnten Sie die in diesem Beitrag vorgestellten Inhalte nutzen? Wenn ja, teilen Sie uns das gerne mit!

Kontaktieren Sie gerne Tome Sandevski über science-policy@uni-frankfurt.de


Tome Sandevski

Tome Sandevski ist Programmmanager Science-Policy Dialog an der Goethe-Universität Frankfurt und koordiniert die gemeinsamen Policy-Dialogformate der Rhein-Main-Universitäten (Frankfurt, TU Darmstadt und Johannes Gutenberg-Universität Mainz). Er konzipiert und leitet regelmäßig Fortbildungen zur wissenschaftlichen Politikberatung für Forschende und WissenschaftsmanagerInnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere