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Erwartung vs. Realität: Ein Leitfaden für Forschende zum Umgang mit Frustrationen an der Schnittstelle zur Politik und Verwaltung


Das Wichtigste auf einen Blick

  • Erwartungsmanagement: Etablierung realistischer Erwartungen hinsichtlich des tatsächlichen Wirkungspotenzials der eigenen Expertise und der Transferformate.
  • Prozessverständnis: Verständnis der Funktionsweisen von Gestaltungsprozessen in Politik und Verwaltung als wesentliche Voraussetzung für die Vermeidung von Frustration.
  • Beziehungsaufbau und Kommunikation: Proaktive Interaktion und systematische Kontaktpflege zur Vermeidung von Missverständnissen und zur Schaffung langfristigen Austauschs.
  • Reflexion und Feedback: Regelmäßige Evaluation des eigenen Engagements sowie kontinuierliche Rückkopplung mit Akteuren aus Politik und Verwaltung.

 

Worum geht es?

In Gesprächen mit Forschenden über ihre Erfahrungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Verwaltung taucht ein Thema immer wieder auf: Frustration. Im Folgenden habe ich die häufigsten Rückmeldungen zu Frustrationen zusammengefasst und um konkrete Empfehlungen ergänzt, wie Sie diesen begegnen können.

Hinweis: Bei den nachfolgenden Zitaten handelt es sich nicht um Wortprotokolle, sondern um verdichtete Kernaussagen aus Gesprächen und Workshops mit zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

 

  • „Ich sehe keine Wirkung”

Sie haben es schon gehört – vielleicht haben Sie es sogar selbst gesagt: „Ich habe einen 100-seitigen Auftragsbericht für das Ministerium verfasst und deutlich aufgezeigt, dass X ein Problem ist. Und dann ist nichts passiert.“ Oder: „Ich habe über ein Jahr in einem Expertengremium verbracht. Wir haben ein Dutzend fundierter Empfehlungen ausgearbeitet, aber keine davon wurde umgesetzt.“ Oder die mildere, eher resignierte Variante: „Die Akteure in Politik und Verwaltung schienen nicht besonders an meinen Ergebnissen interessiert zu sein. Ich glaube, sie hatten sich bereits eine Meinung gebildet. Daher bin ich mir nicht sicher, warum sie überhaupt gefragt haben.“

 

Was Sie tun können

Realistische Maßstäbe anlegen: Politik und Verwaltung sind in der Regel nicht verpflichtet, wissenschaftlichen Ratschlägen zu folgen. Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen evidenzbasierter und evidenzgestützter Politikgestaltung. Entscheidungsträger unterliegen politischen, finanziellen und rechtlichen Zwängen. Eine wissenschaftliche Empfehlung kann schlüssig sein, politisch jedoch derzeit nicht umsetzbar.

Verzögerte Wirkungen berücksichtigen: „Keine sichtbare Wirkung“ bedeutet nicht „keine Wirkung“. Wissenschaftliche Evidenz zum Rauchen lag bereits in den 1950er Jahren vor. Es dauerte jedoch Jahrzehnte, bis politische Maßnahmen folgten. Impact entsteht oft langsam und indirekt und lässt sich selten auf eine einzelne Studie oder einen einzelnen Termin zurückführen.

Politische Zyklen verstehen: Die Wirkung kann oft am Timing scheitern. Eine Regierung beauftragt ein Expertengremium, das Gremium legt zwei Jahre später seinen Bericht vor – nur dass es bis dahin eine neue Regierung gibt, die kein besonderes Interesse an den Ergebnissen hat. Oder es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass vor der Verabschiedung eines Gesetzentwurfs eine Anhörung stattfindet, aber wenn Sie im Saal sitzen, sind die Entscheidungen bereits gefallen. Nichts davon ist persönlich gemeint. Je besser Sie die politischen Gestaltungsprozesse verstehen, desto weniger werden Sie diese Momente als Rückschlag empfinden.

 

(2) „Es wurde genau der eine Satz herausgepickt, der zur eigenen Agenda passte“

Die Frustration entsteht hier nicht durch Ignoranz, sondern durch wahrgenommenes Rosinenpicken (Cherry-Picking): Eine einzelne Zahl oder eine aus dem Kontext gerissene Aussage landet in einer Pressemitteilung, einem Post in sozialen Medien oder einem Strategiepapier. Es entsteht der Eindruck, die eigene Arbeit werde zweckentfremdet.

Was Sie tun können:

  • Botschaften präzise verpacken: Akteure in Politik und Verwaltung lesen Studien nicht wie Forschende; sie suchen nach klaren, verwertbaren Aussagen. Nuancen gehen dabei leicht verloren. Steuern Sie proaktiv entgegen: Verfassen Sie prägnante Zusammenfassungen, benennen Sie unverzichtbare Rahmenbedingungen explizit und bieten Sie eine Kernbotschaft an („Wenn Sie nur ein Fazit zitieren, dann dieses“).
  • Richtigstellungen sachlich einfordern: Wird Ihre Forschung maßgeblich verzerrt dargestellt, suchen Sie das Gespräch oder veröffentlichen Sie eine sachliche Klarstellung, ohne böse Absicht anzunehmen. Oft steckt dahinter kein Kalkül, sondern der Zwang zur extremen Verdichtung.

 

  • „Die Akteure in Politik und Verwaltung verstehen es einfach nicht. Ihnen fehlen sogar die Basiswissen“

Forschende sind oft überrascht, wenn Akteure in Politik und Verwaltung Begriffe oder Konzepte nicht kennen, die aus Sicht der Forschenden zum Grundvokabular gehören: exponentielles Wachstum, die Gesetze der Thermodynamik oder dass „signifikant“ nicht dasselbe ist wie „wichtig“. Der Begriff „kurzfristig“ kann für einen Klimawissenschaftler oder eine Historikerin Jahrzehnte bedeuten, für einen Akteur in Politik und Verwaltung jedoch Tage oder Wochen.

 

Was Sie tun können
Denken Sie daran, dass Akteure in Politik und Verwaltung aus den unterschiedlichsten Bereichen kommen; manche mögen aus Ihrem Fachgebiet stammen, die meisten jedoch nicht. Interdisziplinäre Forschungsteams brauchen oft Monate, um ein gemeinsames Vokabular unter Forschenden zu entwickeln. Warum sollte das bei Akteuren in Politik und Verwaltung anders sein?

Investieren Sie daher in eine Vereinfachung Ihrer Sprache. Belegen Sie einen Kurs in Wissenschaftskommunikation, bitten Sie Ihre Pressestelle um Rückmeldung oder lassen Sie Ihren Text durch Tools wie den „De-Jargonizer“ oder „Readable.com“ laufen. Sprechen Sie regelmäßig mit Menschen außerhalb Ihres Fachgebiets über Ihre Forschung. Und bitten Sie Akteure in Politik und Verwaltung direkt um ehrliches Feedback dazu, ob die kommunizierten Inhalte verstanden werden.

Noch etwas: Gehen Sie nicht davon aus, dass Akteure in Politik und Verwaltung die Meilensteine Ihres Fachgebiets kennen. Sie haben wahrscheinlich schon von „Nature“ und „Science“, einer Handvoll bekannter Universitäten und Forschenden gehört, die in Medien präsent sind. Das „Journal of xyz Quarterly“ – egal wie renommiert es in Ihrer Welt auch sein mag – sagt den Akteuren in der Praxis wahrscheinlich nichts. Sie kennen wahrscheinlich nicht die großen Namen in Ihrem Fachgebiet, außer diese sind regelmäßig in Medien vertreten. Das Gleiche gilt für das Thema Zeitdruck in Forschungseinrichtungen, die Durchführung von Forschungsprojekten oder die Bedeutung von Begriffen wie „PI“ oder SFB.

 

  • „Sie erwarten das Unmögliche von mir“

Oft besteht eine echte Kluft zwischen den Anforderungen der Akteure in Politik und Verwaltung und dem, was die Forschung tatsächlich liefern kann. Dies zeigt sich auf verschiedene Weise. Erstens klingen manche Fragen für Akteure in Politik und Verwaltung einfach, sind für Forscher jedoch fast unmöglich mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten: „Verursacht ungesunde Ernährung Krebs?“ oder „Senken Steuersenkungen die Arbeitslosigkeit?“ Reale Ergebnisse haben selten nur eine einzige Ursache, und viele Forschungsergebnisse sind mit Unsicherheit behaftet.

Zweitens sind Fragen zu zukünftigen Entwicklungen schwierig zu beantworten: „Wann wird das nächste Extremwetterereignis in Deutschland auftreten?“ oder „Wird China in den nächsten Jahren Taiwan angreifen?“ Die Forschung kann Risiken, Trends und Wahrscheinlichkeiten aufzeigen, aber keine Gewissheit über Ereignisse bieten, die noch nicht eingetreten sind.

Drittens gibt es den Sprung von den Ergebnissen zu den Empfehlungen: „Sie haben festgestellt, dass Menschen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln, gesünder sind als diejenigen, die mit dem Auto fahren oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Welche Handlungsempfehlungen leiten Sie aus diesen Erkenntnissen ab?“ Fundierte Forschung lässt sich nicht immer nahtlos in konkrete Handlungsempfehlungen umsetzen; dieser Schritt erfordert in der Regel Kenntnisse über politische Prioritäten und Abwägungen, die über das hinausgehen, was die Forschungsergebnisse alleine aussagen können.

Viertens verlangen Akteure in Politik und Verwaltung manchmal schnelle Ergebnisse, ohne zu wissen, wie viel Zeit Forschung benötigt: „Können Sie innerhalb der nächsten zwei Wochen die Auswirkungen der Hitzewelle vom letzten Monat auf den öffentlichen Nahverkehr analysieren?“ Eine gründliche Analyse braucht Zeit, und diese Diskrepanz bei den Erwartungen kann zu einer echten Quelle von Frustration auf beiden Seiten werden.

 

Was zu tun ist:
Wenn Ihnen eine solche Frage gestellt wird, erklären Sie klar und deutlich, was Ihre Forschung aussagen kann und was nicht. Sprechen Sie Unsicherheiten ehrlich an und bleiben Sie vor allem geduldig. Akteure in Politik und Verwaltung wollen Sie in der Regel nicht auf die Probe stellen; meistens wissen sie einfach nicht, wie Forschung funktioniert, und eine ruhige, klare Erklärung kann viel bewirken.

 

(5) „Ich verstehe die politischen Fachbegriffe und Abläufe in Praxiseinrichtungen nicht“

Akteure in Politik und Verwaltung beziehen sich auf Gesetze, Gerichtsurteile, wichtige Dokumente oder Ereignisse, von denen Forschende ggf. noch nie gehört haben. Möglicherweise sind Sie mit Akteuren oder Abläufen nicht vertraut, und Akteure in Politik und Verwaltung denken in rechtlichen und wirtschaftlichen Kategorien, die Ihnen als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin vielleicht gar nicht in den Sinn kommen. Selbst gut vorbereitete Forschende können den Faden verlieren, denn vieles, was Akteure wissen, ist implizites Wissen, das man nur in persönlichen Gesprächen erfährt.

Und ja, auch Akteure in Politik und Verwaltung haben ihre eigene Fachsprache. Verbringt man Zeit in Brüssel, versinkt man in Abkürzungen: DG, MFF, GAP, Acquis. Ich saß einmal in einer Sitzung in einem Bundesministerium in Berlin, als jemand sagte: „Während der letzten LP wollte Schmidt, dass sich die Direktion 4 auf … konzentriert.“ Ich brauchte eine Weile, um herauszufinden, dass LP für Legislaturperiode stand, wer Schmidt war und wofür die Direktion 4 eigentlich zuständig war.

 

Was Sie tun können
Sofern die Politikanalyse nicht Ihre Hauptaufgabe ist, ist es völlig normal, sich dabei bisweilen verloren zu fühlen. Sie müssen sich keine Organigramme einprägen, um ein gutes Gespräch mit einem Akteur aus Politik und Verwaltung zu führen. Wenn Sie neu auf diesem Gebiet sind, verschaffen Sie sich vorab einen Überblick, indem Sie wichtige politische Dokumente oder Organigramme überfliegen. Und es ist absolut in Ordnung, zuzugeben, dass Sie neu sind. Stellen Sie immer Fragen. Wenn Sie zu einer Policy-Veranstaltung eingeladen sind, bitten Sie Ihre Gastgeber im Vorfeld um ein Briefing. Der Zugang zu implizitem Wissen erfolgt nur durch persönliche Gespräche. Nutzen Sie daher informelle Einzelgespräche mit Akteuren in Politik und Verwaltung, wann immer sich die Gelegenheit bietet.

 

  • „Termine werden ständig abgesagt – als ob meine Zeit keine Rolle spielen würde“

Kollegen in Brüssel erzählten mir, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Europaabgeordneter seinen Auftritt in einer Podiumsdiskussion zwei Stunden vor Beginn absagt, bei 50:50 liegt. Ein Wissenschaftler erzählte mir, wie er erfuhr, dass ein Minister ein Treffen abgesagt hatte, während er bereits im Zug in Richtung Hauptstadt saß. Das passierte zweimal innerhalb von zwei Monaten. Gleichzeitig werden dieselben Forschenden manchmal gebeten, innerhalb weniger Tage eine gründliche Analyse einer aktuellen Entwicklung zu erstellen.

Akteure in Politik und Verwaltung – insbesondere Abgeordnete und die Leitungsebene in Ministerien – haben es mit Terminplänen zu tun, die durch Ereignisse, die völlig außerhalb ihrer Kontrolle liegen, ständig durcheinandergewirbelt werden können. Und um fair zu sein: Die meisten von ihnen wissen nicht, dass die Terminkalender von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durch Verpflichtungen in Forschung, Lehre und Verwaltung eng getaktet sind.

 

Was Sie tun können
Bitten Sie bei der Organisation einer Veranstaltung die Akteure in Politik und Verwaltung stets, einen Ersatz zu benennen, falls sie nicht teilnehmen können. Verfahren Sie bei Einzelgesprächen ebenso. Anstatt vier Stunden in die Vorbereitung eines Treffens mit einem Minister zu investieren, das dann in letzter Minute abgesagt wird. Fragen Sie im Voraus, ob Mitarbeitende im Fall von Absagen einspringen können. Kommunizieren Sie Ihre eigenen Terminbeschränkungen. Bieten Sie virtuelle Treffen als Ausweichmöglichkeit an. Kommunizieren Sie offen, wenn Sie Anfragen zu kurzfristig erreichen.

 

  • „Meine Ansprechpartner wechseln ständig; ich habe das Gefühl, jedes Mal wieder bei Null anfangen zu müssen“

Abgeordnete verlieren ihre Mandate, beenden ihre politischen Karrieren oder wechseln in neue parlamentarische Ausschüsse. Neue Regierungen bringen neue Führungskräfte in die Ministerien. Berufsbeamte wechseln alle paar Jahre ihre Abteilungen. Für Forschende kann es anstrengend sein, Beziehungen immer wieder neu aufbauen zu müssen.

 

Was Sie tun können
Akzeptieren Sie die Fluktuation als strukturelles Merkmal demokratischer Institutionen und nicht als persönlichen Rückschlag. Bauen Sie Beziehungen über das gesamte demokratische, politische Spektrum hinweg auf, auch zu Oppositionsparteien. Pflegen Sie gute Arbeitsbeziehungen zu Mitarbeitenden von Abgeordneten oder Fraktionsreferentinnen und-referenten sowie Mitarbeitenden in Ministerien. Halten Sie Factsheets oder Policy Briefs bereit, die Sie bei Bedarf schnell aktualisieren können.

 

  • „Ich wollte den Entscheidungsträger sprechen; man hat mich mit niederrangigem Personal abgespeist“

Erstens offenbart diese Aussage meist ein weit verbreitetes Missverständnis. Mitarbeitende in Ministerien und Mitarbeitende von Abgeordneten oder in Fraktionen sind kein ‚niederrangiges‘ Personal, sondern meistens diejenigen mit der größten Fachkompetenz zu einem bestimmten Thema – mehr noch als ihre Vorgesetzten – und sie sind es, die wissenschaftliche Erkenntnisse für ihre Vorgesetzten aufbereiten. Zweitens: Wenn ein Entscheidungsträger oder eine Entscheidungsträgerin ein Treffen ablehnt und jemanden anderen schickt, bedeutet das nicht, dass er oder sie kein Interesse hat. Wäre dies der Fall, würde gar keine Vertretung vorgeschlagen werden.

 

Was Sie tun können

Schätzen Sie es, dass Vertretungen vorgeschlagen wurden. Tauschen Sie sich mit den Mitarbeitenden aus, die ihre Vorgesetzten vertreten, und halten Sie den Kontakt zu ihnen aufrecht. Wenn Sie einen Entscheidungsträger zu einer Veranstaltung einladen, seien Sie realistisch, was die Eignung angeht: Passt die Rolle, die Sie anbieten (Redner, Podiumsteilnehmer, stiller Teilnehmer), zu seinen Prioritäten? Handelt es sich um einen 20-minütigen Auftritt oder um ein zweitägiges Engagement? Wo findet die Veranstaltung statt? In Berlin oder einer Landeshauptstadt, im Wahlkreis der angefragten Politikerin oder ganz woanders? Und findet sie während einer Sitzungswoche oder in der Parlamentspause statt? Wenn Sie diese Details richtig einschätzen, erhöhen Sie Ihre Chancen erheblich.

 

  • „Nach dem Austausch herrscht absolute Funkstille“

Noch einmal: Akteure in Politik und Verwaltung sind beschäftigt. Schweigen nach einem Treffen bedeutet nicht Desinteresse.

 

Was Sie tun können
Nehmen Sie selbst Kontakt auf! Melden Sie sich ein paar Wochen oder Monate später und kommunizieren Sie, dass Sie das Gespräch gerne fortsetzen würden, vielleicht haben Sie neue Erkenntnisse oder es gibt eine aktuelle Entwicklung, die Sie diskutieren möchten. Gewöhnen Sie sich an, den Akteuren in Politik und Verwaltung schon beim ersten Treffen mitzuteilen, dass Sie gerne in Kontakt bleiben möchten. Und nehmen Sie es nicht persönlich, wenn es kein Folgegespräch gibt. Die Prioritäten von Akteuren in Politik und Verwaltung können sich ändern, und Terminkalender ermöglichen keine Folgekontakte.

 

  • „Verbände, NGOs Thinktanks oder Medien erhalten mehr Gehör als die Wissenschaft“

Forschende können es bisweilen irritierend oder sogar als beleidigend empfinden, wenn Akteure in Politik und Verwaltung eher das Positionspapier eines Wirtschaftsverbands, eine NGO-Kampagne, die Analyse einer Beratungsfirma oder eine Schlagzeile aus der Boulevardpresse zur Kenntnis nehmen als „ordentliche“ wissenschaftliche Erkenntnisse.

 

Was Sie tun können
Wissenschaftliche Expertise ist eine von mehreren Wissensquellen für Akteure in Politik und Verwaltung, aber nicht unbedingt die wichtigste. Verschiedene Akteure spielen unterschiedliche Rollen im Ökosystem: Thinktanks und Beratungsunternehmen können Policy-Analysen deutlich schneller durchführen, als es akademische Einrichtungen jemals können. Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände haben ein hohes Mobilisierungspotenzial für Kampagnen. Medien haben wiederum eine deutlich höhere Reichweite als wissenschaftliche Publikationen. Verfolgen Sie daher die Stellungnahmen oder Analysen der wichtigsten NGOs, Verbände, Thinktanks oder Medien zu Ihren Themengebieten. Sie können deren Kanäle – etwa Publikationen (Stichwort Gastbeiträge) oder Veranstaltungen – nutzen, um mit Ihrer Expertise Politik und Verwaltung zu erreichen.

 

  • „„Niemand nutzt unsere Transferangebote oder kommt zu unseren Veranstaltungen

Forschende investieren Wochen oder Monate in die Organisation einer Veranstaltung oder in die Entwicklung eines Transferformats, wie beispielsweise Policy-Publikationen, einer interaktiven Website, einer App, einer Simulationsübung, eines Hospitationsprogramms oder einer Experten-Hotline – und die Akteure in Politik und Verwaltung tauchen einfach nicht auf oder nutzen das Angebot letztlich nie.

 

Was Sie tun können

Erstens: Prüfen Sie den Bedarf, bevor Sie etwas entwickeln. Akteure in Politik und Verwaltung werden täglich mit Positionspapieren, Einladungen zu Veranstaltungen und weiteren Informationen überschüttet. Bevor Sie viel Zeit und Geld in die Entwicklung von Apps, Simulationen, Hospitanz Programmen oder interaktiven Portalen investieren, fragen Sie Ihre Zielgruppe, was sie tatsächlich braucht und wie viel Zeit sie zur Verfügung hat. Die frühzeitige Einbindung von Akteuren aus Politik und Verwaltung in den Planungsprozess liefert entscheidendes Feedback zu Inhalt, Umfang und Format.

Zweitens: Geben Sie gezielter Kommunikation den Vorrang vor der Massenkommunikation. Vermeiden Sie allgemeine Massen-E-Mails oder Mailings: Diese werden in der Regel sofort herausgefiltert. Ermitteln Sie relevante Parlamentsausschüsse oder Ministerialabteilungen und passen Sie Ihre Einladung oder Ihr Transferformat direkt an deren aktuelle Agenda an. Erläutern Sie klar und prägnant, welche konkreten Erkenntnisse sie durch die Teilnahme an der Veranstaltung oder die Nutzung des Formats gewinnen. Ein kurzes Folgegespräch per Telefon oder eine persönliche Nachricht kostet zwar Zeit, ist aber weitaus effektiver als Monate damit zu verbringen, eine App zu nutzen, die kein Akteur in Politik und Verwaltung nutzt.

Drittens: Schließen Sie sich mit etablierten Akteuren zusammen. Wenn Ihre Institution noch keine Erfahrung im Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Verwaltung hat oder keine direkten Kanäle zu Entscheidungsträgern besitzt, arbeiten Sie mit Organisationen zusammen, die bereits eine nachgewiesene Erfolgsbilanz vorweisen (z. B. Forschungsnetzwerke, Thinktanks, NGOs, Stiftungen). Gemeinsame Veranstaltungen oder Formate wie gemeinsam verfasste Policy-Publikationen oder Dialogformate ziehen Akteure aus Politik und Verwaltung in der Regel deutlich effektiver an als eigenständige Initiativen.

 

  • „Ich habe erwähnt, dass ich Fördermittel brauche, und es ist nichts dabei herausgekommen“

Manchmal treten Forscher mit Akteuren in Politik und Verwaltung in Kontakt, teilweise in der Hoffnung, dass sich dadurch Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen, und sind am Ende enttäuscht, wenn diese Finanzierung nicht zustande kommt.

 

Was Sie tun können

Unterscheiden Sie zwischen Policy Engagement bzw. wissenschaftlicher Politikberatung auf der einen und der Akquise von Fördermitteln auf der anderen Seite. Beim Policy Engagement steht der Austausch von Erkenntnissen im Mittelpunkt, nicht die Einwerbung von Fördermitteln.

Möchten Sie mehr über das Policy Engagement Toolkit erfahren? Möchten Sie Ihre Erfahrungen mit dem Austausch zwischen Wissenschaft und Politik/Verwaltung teilen? Möchten Sie einen Beitrag zum Policy Engagement Toolkit leisten? Wenden Sie sich gerne an Tome Sandevski unter science-policy@pvw.uni-frankfurt.de

 

Quellen und weiterführende Literatur:

De-Jargonizer, scienceandpublic.com

Readable, readable.com

Hemingway Editor, hemingwayapp.com

Lloyed, James (2016), „So you want to change Policy? Six steps for academics looking to achieve Policy change“, LSE Blogs, abgerufen am 5. August 2026.

 

Möchten Sie mehr über das Policy Engagement Toolkit wissen oder Ihre Erfahrung teilen?

Überlegen Sie, einen Beitrag für das Policy Engagement Toolkit zu verfassen? Konnten Sie die in diesem Beitrag vorgestellten Inhalte nutzen? Wenn ja, teilen Sie uns dies gerne mit! Kontaktieren Sie gerne Tome Sandevski über science-policy@uni-frankfurt.de

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