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Politikgestaltung verstehen: Ein Leitfaden zu wichtigen Informationsquellen – von Newslettern bis hin zum persönlichen Gespräch


Das Wichtigste auf einen Blick

  • Schneller Überblick: Organigramme, Schlüsseldokumente wie Koalitionsverträge oder Strategiepapiere und Policy Publikationen wie Positionspapiere verschaffen Ihnen einen raschen und kostengünstigen Überblick über jedes Politikfeld und möglichen Wissensbedarfen.
  • Sprachgefühl entwickeln: Das regelmäßige Lesen von Schlüsseldokumenten und Policy Publikationen einen nützlichen Nebeneffekt: Sie gewöhnen sich im Laufe der Zeit an die Fachsprache der Politikgestaltung.
  • Zugang zu implizitem Wissen: Persönliche Gespräche und Policy-Events bieten Zugang zu Kontextwissen, das in keinem veröffentlichten Dokument steht. Forschenden sollten sich daher regelmäßig mit Akteuren in Politik/Verwaltung austauschen. Interessenvertretungen tun dies täglich.
  • Geringer Zeitaufwand: Der Aufwand ist überschaubar und lässt sich in Stunden oder wenigen Tagen bewältigen, nicht in Wochen.

 

Was ist das Problem?

Forschende, die noch keine Erfahrung mit dem Austausch zwischen Wissenschaft und Politik/Verwaltung haben, stellen oft eine grundlegende Frage: Wo fange ich an? Diese Frage ist alles andere als trivial. In der Praxis lässt sich diese Frage in konkrete Teilfragen zerlegen:

  • Wie funktioniert Politikgestaltung? Wie werden Entscheidungen getroffen und umgesetzt?
  • Welche Wissensbedarfe haben Politik/Verwaltung? Wie finde ich heraus, ob mein Fachwissen für Akteure in Politik/Verwaltung relevant ist?
  • Wer sind die richtigen Zielgruppen für meine Expertise?
  • Wie kann ich mit Akteuren aus Politik/Verwaltung in Kontakt treten?
  • Wie kann ich Fachjargon verstehen?
  • Wie kann ich all das zeitsparend erledigen?

Dieser Leitfaden bietet einen strukturierten Überblick über die wichtigsten Informationsquellen, die bei der Beantwortung dieser Fragen helfen.

 

I. Organigramme

Denken Sie über die Kernthemen Ihrer Forschung nach (z. B. Cybersicherheit, Umwelt, Mobilität oder Gesundheit). Suchen Sie online nach Landes- oder Bundesministerien, Generaldirektionen (DGs) der Europäischen Kommission und internationalen Organisationen, die sich mit diesen Themen befassen. Öffnen Sie die Organigramme auf deren Websites.

Organigramme sind vor allem aus zwei Gründen von unschätzbarem Wert:

Schnelle Orientierung: Sie erhalten einen schnellen Überblick über die Zuständigkeiten der Gremien der Akteure in Politik/Verwaltung. Außerdem helfen sie Ihnen dabei, einzuschätzen, welche Priorität ein Thema hat: Sind beispielsweise mehrere Fachabteilungen mit verschiedenen Aspekten des Themas befasst, oder wird es von einer einzigen Referat neben vielen anderen Themen behandelt?

Identifikation möglicher Ansprechpartner:innen: Sie können genau die Einheiten bzw. Mitarbeitenden identifizieren, die Sie zu Veranstaltungen einladen, um bilaterale Treffen bitten und über Ihre Forschungsergebnisse informieren können.

Tipp: Vergleichen Sie Organigramme verschiedener Landes- und Bundesministerien, Generaldirektionen der Europäischen Kommission und internationaler Organisationen wie der WHO oder der OECD. Wenn Sie sich nicht sicher sind, welche Abteilung für ein bereichsübergreifendes Thema (z. B. Umweltbesteuerung oder Cybersicherheit) zuständig ist, prüfen Sie auch Ministerien in verwandten Bereichen.

Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Das erste Durchsehen von Organigrammen kann überwältigend wirken, insbesondere bei großen PDF-Dateien. Es ist völlig normal, sich dabei etwas verwirrt zu fühlen.

Parlamente: Werfen Sie einen Blick auf die Übersichten der parlamentarischen Ausschüsse. Diese spiegeln bei den Landesparlamenten und dem Bundestag meist die Zuschnitte der jeweiligen Ministerien wider.

 

II. Schlüsseldokumente

Schlüsseldokumente bieten Überblicke zu den Zielen, Prioritäten und geplanten Maßnahmen von Regierungen, politischen Parteien, EU-Einrichtungen und internationalen Organisationen. Dazu gehören:

  • Parteiprogramme / Wahlprogramme
  • Koalitionsverträge auf Landes- und Bundesebene
  • Strategien, Aktionspläne und Fahrpläne (z. B. High Tech Agenda Deutschland; Nationale Demenzstrategie; Hessische Klimaanpassungsstrategie; EU-Biodiversitätsstrategie für 2030; Globale Strategie der WHO für digitale Gesundheit 2020–2027)
  • Gesetze und Gesetzesentwürfe
  • Weitere offizielle Publikationen wie Analysen/Evaluationen, die auf den Websites der Institutionen veröffentlicht werden
  • Ausschreibungen für Studien oder Konsultationsverfahren (z. B. EU-Portal „Have Your Say“)

Bitte berücksichtigen: Nicht jede in einem Koalitionsvertrag, einem Strategiepapier oder einem Gesetzestext dargelegte Maßnahme wird 1:1 umgesetzt. Politische Prioritäten können sich schnell verschieben, insbesondere in Krisenzeiten (z. B. während der COVID-19-Pandemie oder des russischen Angriffs auf die Ukraine). Schlüsseldokumente bieten eine schnelle Orientierung.

 

III. Policy-Analysen und Positionspapiere von Thinktanks, NGOs und Verbänden

Wissenschaftliche Forschung ist nicht die einzige Quelle externer Informationen für Akteure in Politik/Verwaltung. Thinktanks, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Branchenverbände und Stiftungen veröffentlichen regelmäßig Policy-Analysen und Positionspapiere.

Das Lesen dieser Publikationen hilft Ihnen, politische Entwicklungen zu analysieren und die Forderungen verschiedener Interessensgruppen zu verstehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, die wichtigsten Interessensgruppen in Ihrem Fachgebiet zu kennen. Wenn sich Ihre Forschung mit Umweltfragen befasst, sollten Sie regelmäßig Veröffentlichungen von Wirtschaftsverbänden, Umwelt-NGOs und spezialisierten Thinktanks durchsehen. Sie können diese Organisationen ganz einfach mithilfe von Suchmaschinen oder KI-Tools erfassen.

 

IV. Newsletter, Pressemitteilungen und soziale Medien

Abonnieren Sie offizielle Newsletter und Pressemitteilungen und folgen Sie relevanten Akteuren in Politik/Verwaltung sowie wichtigen Interessengruppen in den sozialen Medien. Diese Kanäle liefern zeitnahe Informationen zu aktuellen Entwicklungen und bevorstehenden Policy-Ereignissen.

Empfehlungen für Accounts?

  • Politische Parteien
  • Abgeordnete: Konzentrieren Sie sich auf themenpolitische Sprecher:innen oder Ausschussvorsitzende. Folgen Sie darüber hinaus stets den Abgeordneten, die den Wahlkreis vertreten, in dem sich Ihre Forschungseinrichtung befindet.
  • Öffentliche Einrichtungen: Stadtverwaltungen, Landes- und Bundeseinrichtungen; je nach Forschungsinteressen abonnieren Sie auch Newsletter der Generaldirektionen der Europäischen Kommission und internationaler Organisationen.
  • Wichtige Interessengruppen: Renommierte Thinktanks, Branchenverbände, Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen, die in Ihrem Fachgebiet tätig sind (z. B. Biodiversität, Cybersicherheit, Gesundheit).

 

V. Medien und spezialisierte Nachrichtendienste

Am Thema Politikberatung interessierte Forschende sollten die Medienberichterstattung zu ihren Themengebieten verfolgen. Universitätsbibliotheken verfügen über institutionelle Abonnements großer Printmedien und bieten meist Datenbanken wie Nexis an, die die Recherche in unzähligen Printmedien ermöglichen. Spezialisierte Anbieter wie Table Media, Tagesspiegel Background, Politico Pro oder Euractiv bieten Hintergrundberichte zu verschiedenen Themen, die auch in Ministerien, Parlamenten und Verbänden rege genutzt werden. Die Angebote sind teilweise sehr kostspielig und auch umfangreich. Ich empfehle daher Forschenden, verschiedene Anbieter über Probeabonnements zu testen und dann zu entscheiden, ob sich Abonnements lohnen. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Universitätsbibliothek, auf welche Abonnements, Nachrichtendienste oder Mediendatenbanken (z. B. Nexis Uni) Sie im Rahmen von institutionellen Lizenzen kostenlos zugreifen können.

 

VI. Policy-Veranstaltungen und persönliche Gespräche

Insbesondere in Berlin, Brüssel und auch in Landeshauptstädten finden zahlreiche Veranstaltungen statt, die Akteure aus Politik/Verwaltung, Forschende sowie Expert:innen aus Thinktanks und der Zivilgesellschaft zusammenkommen.

Die Teilnahme an Policy-Veranstaltungen ist aus zwei Gründen entscheidend:

  • Direkte Vernetzung: Sie können sich im informellen Rahmen direkt mit Akteuren aus Politik/Verwaltung austauschen. Bereiten Sie im Voraus einen prägnanten „Elevator Pitch“ vor. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, nach einem gehaltvollen Gespräch Kontaktdaten auszutauschen und bleiben Sie nach dem Gespräch im Kontakt! Das Knüpfen von Kontakten bei Veranstaltungen und das Nachfassen einige Wochen später ist oft weitaus zeit- und kosteneffizienter als die Organisation eigener Einzelveranstaltungen ohne bestehende politische Netzwerke.
  • Zugang zu implizitem Wissen: Öffentliche Dokumente, Newsletter und Pressemitteilungen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Akteure in Politik und Verwaltung verfügen über umfangreiches implizites und kontextbezogenes Wissen, das nur über informelle Gespräche zugänglich ist.

Seien Sie nicht schüchtern: Es ist völlig in Ordnung, Akteure in Politik/Verwaltung anhand von Organigrammen zu identifizieren, sie direkt zu kontaktieren und um ein kurzes persönliches oder virtuelles Kennenlerngespräch zu bitten. Lobbyisten und Interessenverbände tun dies ständig. Forschende sind in dieser Hinsicht häufig zu schüchtern.

 

VII. Kanäle der Erwachsenenbildung und wissenschaftliche Publikationen

Die verschiedenen Formate der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung bieten ein umfangreiches Angebot an Handbüchern, Dossiers, Factsheets, Infographiken, Podcasts und Erklärvideos zur Funktionsweise von kommunalen Einrichtungen, Parlamenten, Ministerien, EU-Institutionen und internationalen Organisationen. Diese sind didaktisch sehr gut aufbereitet und frei über die Webseiten verfügbar.

Zahlreiche wissenschaftliche Handbücher und Lehrbücher, die meist über Universitätsbibliotheken zugänglich sind, erläutern die Funktionsweise politischer Institutionen auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Einen guten Einstieg bieten auch sektorspezifische Darstellungen zu Themen wie Energie-, Gesundheits- oder Bildungspolitik.

 

Diese vorgestellten Informationsmöglichkeiten mögen zunächst zeitaufwendig erscheinen, ermöglichen Forschenden jedoch eine adressatengerechte Kommunikation ihrer Expertise. Die regelmäßige Lektüre von Schüsseldokumenten und Policy-Analysen hat einen weiteren großen Vorteil: Sie hilft Forschern, sich mit der Sprache in Politik/Verwaltung vertraut zu machen.

 

Aufgaben und Ressourcen

Forschende

  • Nehmen Sie sich nach Möglichkeit regelmäßig Zeit, um relevante Newsletter zu lesen und wichtige Dokumente sowie Policy-Veröffentlichungen zu überfliegen.
  • Wählen Sie eine Handvoll Institutionen, Ausschüsse oder einzelne Akteure in Politik/Verwaltung aus, denen Sie regelmäßig verfolgen, anstatt zu versuchen, alles im Blick zu behalten.
  • Nehmen Sie an Policy-Veranstaltungen teil, bereiten Sie einen kurzen Elevator Pitch vor, knüpfen Sie Kontakte und halten Sie diese nach.

Mitarbeitende in Wissenschaftsmanagement und Wissenstransfer

  • Stellen Sie relevante Newsletter, wichtige Dokumente und Veranstaltungsinformationen zusammen und teilen Sie diese mit den Forschenden an Ihren Einrichtungen.
  • Helfen Sie Forschenden, die richtigen Zielgruppen für ihre Expertise zu identifizieren.
  • Ermöglichen Sie den Zugang zu Fachmedien und Informationsdiensten, beispielsweise durch Abonnements auf Einrichtungsebene.

Akteure in Politik und Verwaltung

  • Organigramme, wichtige Dokumente und Kontaktinformationen öffentlich zugänglich und auf dem neuesten Stand halten.
  • Einen aktiven Newsletter oder eine aktive Präsenz in den sozialen Medien pflegen.
  • Seien Sie bei Anfragen von Forschenden zu persönlichen Treffen offen.

 

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Überlegen Sie, einen Beitrag für das Policy Engagement Toolkit zu verfassen? Konnten Sie die in diesem Beitrag vorgestellten Inhalte nutzen? Wenn ja, teilen Sie uns dies gerne mit! Kontaktieren Sie gerne Tome Sandevski über science-policy@uni-frankfurt.de

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