Die „Übrigens, wir brauchen mehr Geld“-Falle: Warum der Austausch zwischen Wissenschaft und Politik/Verwaltung kein Pitch um Fördermittel ist
Author
Das Wichtigste auf einen Blick
- Expertise statt Akquise: Bei Science-Policy-Aktivitäten geht es darum, Politik/Verwaltung unabhängige wissenschaftliche Expertise bereitzustellen und nicht darum, Forschungsgelder zu akquirieren. Lobbyarbeit für die Forschungsförderung ist zwar legitim, muss jedoch klar und transparent von der inhaltlichen Beratung getrennt werden.
- Möglicher Glaubwürdigkeitsverlust: Die Vermischung von Wissenstransfer und Mittelbeschaffung riskiert, die Glaubwürdigkeit von Forschenden gegenüber Akteuren in Politik/Verwaltung zu untergraben – eines der wertvollsten und am schwersten wiederherzustellenden Güter, über die Forschende verfügen.
- Proaktive Transparenz: Wer Akteure in Politik/Verwaltung konkret zur Ausgestaltung von Förderprogrammen berät, muss bestehende Interessenkonflikte von Anfang an offenlegen.
Worum geht es?
Stellen Sie sich vor, Sie erhalten einen Anruf von Ihrer Versicherun. Die Person am Telefon teilt Ihnen mit, dass neue Studien zu den Themen Feuer-, Hausrat-, Zahnzusatz- und Reiserücktrittsversicherungen gibt, die sie gerne mit Ihnen besprechen möchte. Was ist Ihre erste Reaktion: „Wie aufmerksam, die wissen ja, dass ich mich für Forschung interessiere!“ oder „Die wollen mir etwas verkaufen!“?
Die meisten Menschen würden Letzteres vermuten und meistens hätten sie recht. Forschende, die das Thema Finanzierung bei Treffen oder Veranstaltungen ansprechen, die nicht dafür vorgesehen sind, riskieren genau dieselbe Reaktion bei Akteuren in Politik/Verwaltung. Um das zu vermeiden, müssen Forschende den Austausch mit Politik/Verwaltung klar von der Lobbyarbeit für Fördermittel trennen. Gelingt das nicht, entstehen Probleme:
Verlust der Glaubwürdigkeit. Forschende genießen in der Politik hohes Ansehen. Entsteht der Eindruck, dass das finanzielle Eigeninteresse größer ist als der Wunsch nach inhaltlichem Austausch, kann Vertrauen und damit in der Konsequenz aus der Zugang zu Politik/Verwaltung verloren gehen.
Falsche Erfolgsmaßstäbe: Im Science-Policy-Dialog zählen Fragen wie: Welche Evidenz wurde aufgegriffen? Wie haben Akteure in Politik/Verwaltung den Austausch wahrgenommen? Welche neuen Impulse gab es für die Forschung? Wird die Beratung mit Fundraising verknüpft, verschiebt sich der Fokus auf monetäre Kennzahlen: Wie viele Fördermittel wurde eingeworben? Welchen finanziellen Nutzen hatte die Institution? Dadurch wird der eigentliche Zweck von Policy Engagement entwertet.
Das Werben um Forschungsmittel ist vollkommen legitim und notwendig. Politikgestaltende Institutionen konsultieren bei der Entwicklung neuer Förderprogramme routinemäßig einzelne Forschende, wissenschaftliche Einrichtungen und akademische Verbände – solche Beiträge sind wirklich wertvoll. Forschende und Institutionen können und sollten das Thema Finanzierung gegenüber Akteuren in Politik und Verwaltung ansprechen. Dabei gelten folgende Grundsätze:
- Seien Sie von Anfang an transparent über Ihre Ziele: Wenn Sie ein Treffen oder eine Veranstaltung organisieren, bei der über Fördermittel gesprochen werden soll, müssen die Akteure in Politik und Verwaltung das vorab wissen. Das unerwartete Ansprechen von Fördermitteln – insbesondere bei einer Veranstaltung mit anderem Zweck – wird wahrscheinlich als unhöflich empfunden und kann den gegenteiligen Effekt haben.
- Fördermittel nicht als Universallösung verkaufen: Forschende wünschen sich verständlicherweise mehr Ressourcen, aber Akteure in Politik /Verwaltung sind dafür da, politische Probleme zu lösen. Wird eine Veranstaltung organisiert, um zu diskutieren, wie sich der Energieverbrauch in Deutschland senken lässt, sollte die Antwort nicht lauten: „Indem meine Forschungsgruppe mehr Fördermittel erhält.“ Reagieren Forschende auf Wissensbedarfe in Politik/Verwaltung durchweg mit Forderungen nach mehr Mitteln, werden Akteure in Politik/Verwaltung sie eher als Mittelbeschaffer:innen denn als Expert:innen wahrnehmen.
- Zeigen Sie Fachkompetenz, bevor Sie Anerkennung erwarten: Der Austausch mit Politik/Verwaltung kann dazu führen, dass Forschende als glaubwürdige, gefragte Expert:innen anerkannt werden. Diese Anerkennung muss sich aber erst verdient werden, indem Forschende ihre Expertise kommunizieren. Bekanntheit in der Wissenschaftswelt bedeutet nicht automatisch Bekanntheit in Politik/Verwaltung.
Was es zu vermeiden gilt:
- sich bei Veranstaltungen, bei denen es nicht um Förderpolitik geht, über fehlende Forschungsmittel zu beschweren;
- sich abfällig über andere Forschungseinrichtungen oder Forschende zu äußern;
- den Fokus auf Forschungslücken, Ausstattungsbedarf, unbesetzte Stellen und Fachpublikationen zu legen, statt auf den konkreten Beitrag, den die eigene Expertise zu einem Policy-Problem sowie dessen gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Nutzen leisten kann.
Beratung zur Förderpolitik: So gehen Sie mit Interessenskonflikten um
Werden Forschende explizit gebeten, an der Ausgestaltung von Förderprogrammen oder Forschungsstrategien mitzuwirken, sollten drei Prinzipien beachtet werden:
Interessenkonflikte proaktiv offenlegen: Forschende sollten klar kommunizieren, inwiefern sie selbst oder ihre Einrichtung von der zur Diskussion stehenden Förderung profitieren würden. Diese Transparenz ist unerlässlich, um die eigene Glaubwürdigkeit zu wahren und sicherzustellen, dass Akteure in Politik und Verwaltung den erhaltenen Rat angemessen einordnen können. Forschende können gleichzeitig die qualifiziertesten Expert:innen zu einem Thema und potenzielle Nutznießer:innen der von ihnen empfohlenen Förderung sein. Diese Doppelrolle ist an sich nicht problematisch – sie muss aber ausdrücklich benannt werden.
Den Fokus auf die Evidenz legen, nicht auf die eigene Förderung: Bei der Beratung zu Förderprioritäten sollten Forschende ihre Empfehlungen an Wissensbedarfen und Forschungslücken orientieren. Akteure in Politik/Verwaltung folgen eher Ratschlägen, die erkennbar am Gemeinwohl statt an (institutionellen) Eigeninteressen ausgerichtet sind.
Eine Vermittlungsinstanz in Betracht ziehen: Sind Interessenkonflikte besonders ausgeprägt, können Forschende erwägen, ihre Empfehlungen über eine dritte Instanz einzubringen – etwa eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, einen akademischen Verband oder einen wissenschaftlichen Beirat –, statt direkt mit Akteuren in Politik und Verwaltung in Kontakt zu treten.
Aufgaben
Forschende
Forschende sollten sich selbst darüber im Klaren sein – und dies gegenüber Akteuren in Politik und Verwaltung transparent machen –, ob es bei einer bestimmten Interaktion um den Austausch mit Politik/Verwaltung oder um Mittelbeschaffung geht. Eine gewisse Überschneidung beider Bereiche ist unvermeidbar, insbesondere bei der Beratung zu Förderprogrammen. In solchen Fällen sollten Forschende Interessenkonflikte proaktiv offenlegen und sicherstellen, dass Akteure in Politik und Verwaltung nicht unerwartet mit einem Gespräch über Fördermittel konfrontiert werden. Eine nützliche Selbstprüfung: Versetzen Sie sich in die Lage einer Person, die ohne Vorwarnung um Geld gebeten wird: Würden Sie es schätzen, so in eine solche Situation gebracht zu werden?
Mitarbeitende im Wissenschaftsmanagement und Wissenstransfer
Sie können Forschende unterstützen, indem sie klare institutionelle Richtlinien zur Unterscheidung zwischen Austausch mit Politik/Verwaltung und Mittelbeschaffung formulieren und transparente Verfahren zum Umgang mit Interessenkonflikten festlegen. Bei der Organisation von Policy-Veranstaltungen oder Dialogformaten sollten sie Forschende im Voraus über den Zweck der Veranstaltung informieren – und deutlich machen, dass Mittelbeschaffung bei Veranstaltungen mit anderem Zweck kontraproduktiv ist.
Akteure in Politik und Verwaltung
Wer bemerkt, dass Forschende den Austausch mit Mittelbeschaffung vermischen, sollte sich befugt fühlen, dies direkt anzusprechen. Der Zweck eines Treffens lässt sich von Beginn an klarstellen, und Gespräche, die in Richtung Finanzierung abdriften, können auf ein geeigneteres Forum verwiesen werden.
Möchten Sie mehr über das Policy Engagement Toolkit wissen oder Ihre Erfahrung teilen?
Überlegen Sie, einen Beitrag für das Policy Engagement Toolkit zu verfassen? Konnten Sie die in diesem Beitrag vorgestellten Inhalte nutzen? Wenn ja, teilen Sie uns dies gerne mit! Kontaktieren Sie gerne Tome Sandevski über science-policy@uni-frankfurt.de

Schreibe einen Kommentar