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Autor: Christoph Burchard

Christoph Burchard (sekretariat.burchard@jura.uni-frankfurt.de) holds the Chair of Criminal Law and Criminal Procedure, International and European Criminal Law, Comparative Law, and Legal Theory at Goethe University Frankfurt. He is the founding spokesperson of the Center for Critical Computational Studies (C3S) and a Principal Investigator at the research centre “Normative Orders.” His research focuses on the intersections of criminal law, legal theory, comparative law, and the societal implications of digital technologies.

Vom Gesetzestext zu Policy-Fragen: Ein Leitfaden für ein interaktives Lehrformat für Jurastudierende und Forschende in den Rechtswissenschaften

Die wichtigsten Merkmale auf einen Blick

  • Praxisnahes Format: Dieses Format führt Jurastudierende und Nachwuchsforschende in den Rechtswissenschaften durch zwei kurze, szenariobasierte Übungen, die in eine Spring School eingebettet sind, an das Thema wissenschaftliche Politikberatung heran.
  • Übung 1 (Zeitdruck): Die erste Übung schult die Teilnehmenden darin, unter Zeitdruck schnell Kernaussagen aus wissenschaftlichen und Policy-Publikationen zu extrahieren. Dabei schlüpfen sie in die Rolle von Mitarbeitenden von Abgeordneten, die ein Briefing für denselben Tag vorbereiten.
  • Übung 2 (Rollenreflexion): Die zweite Übung nutzt Roger Pielke Jr.s „Honest Broker“-Modell, um den Teilnehmern zu helfen, kritisch über die verschiedenen Rollen nachzudenken, die Forschende bei der Beratung von Akteuren in Politik und Verwaltung einnehmen können.
  • Überschaubarer Aufwand: Beide Übungen erfordern nur minimale Vorbereitungen sowohl für Lehrende als auch für Teilnehmende, sodass sie sich leicht in bestehende Lehrpläne – juristischer oder anderer Art – integrieren lassen.

Wie hat das Format funktioniert?

Schritt 1: Konzeption und Gestaltung des Lehrplans

Gemeinsam mit Kollegen der Sant’Anna School of Advanced Studies in Pisa und der Universität Basel organisierten die Autoren im Mai 2026 in Pisa die Spring School „Strafrecht und das Anthropozän: Interdisziplinäre Perspektiven und kritische Ansätze“ für Masterstudierende und Promovierende.

Die Spring School umfasste juristische und interdisziplinäre Vorträge, Podiumsdiskussionen sowie Schreibworkshops. Die Organisatoren haben bewusst eine eigene Sitzung zum Austausch zwischen Wissenschaft und Politik/Verwaltung integriert, und zwar aus zwei wesentlichen Gründen:

  1. Fehlende formale Ausbildung: Obwohl Rechtswissenschaftler:innen häufig Akteure in Politik/Verwaltung beraten, erhalten sie selten eine formale Ausbildung darin, wie sie ihr Fachwissen effektiv vermitteln oder ihre Rolle als wissenschaftliche Berater:innen reflektieren können.
  2. Karrieren in staatlichen Einrichtungen: Viele Jurist:innen streben eine Karriere in staatlichen Einrichtungen an. Bei der Ausarbeitung von Gesetzen zu komplexen Themen wie dem Klimawandel müssen sie auf das Fachwissen von Forschenden aus den Naturwissenschaften zurückgreifen, deren Fachterminologie und Publikationsformate sich erheblich von denen der Rechtswissenschaft unterscheiden. Diese Unterschiede erschweren es beiden Seiten, einander zu verstehen.

Da wir bereits mit dem ENGAGEgreen-Projekt an der Goethe-Universität zusammengearbeitet hatten, wussten wir, dass das Team ein „Policy Engagement Toolkit“ entwickelt hatte, das auch Lehr- und Lernmaterialien umfasste. Wir wandten uns an das ENGAGEgreen-Team und stellten unsere Idee für eine Sitzung zum Austausch zwischen Wissenschaft und Politik/Verwaltung vor; das Team stellte uns Beschreibungen zweier Übungen zur Verfügung, die wir nutzen konnten.

 

Schritt 2: Durchführung der Veranstaltung zum Austausch zwischen Wissenschaft und Politik/Verwaltung

Die einstündige Veranstaltung war um zwei praktische Übungen herum aufgebaut, an die sich Plenardiskussionen anschlossen:

  • Übung 1: Bewertung der Verständlichkeit von Publikationen (Die Acht-Minuten-Herausforderung)

Den Teilnehmern wurden die Rollen vielbeschäftigter Mitarbeitender von Abgeordneten zugewiesen, deren Aufgabe es war, einen Abgeordneten über wichtige Policy-Themen (Naturkatastrophen und die Besteuerung von Pestiziden) zu informieren. Unter Zeitdruck hatten die Teilnehmer nur acht Minuten, um vier wissenschaftliche und politikorientierte Publikationen zu überfliegen, Kernaussagen zu extrahieren und deren Lesbarkeit zu beurteilen.

  • Übung 2: Reflexion über das eigene Rollenverständnis (The Honest Broker)

Die Teilnehmenden analysierten ein Szenario, in dem ein interdisziplinäres Forschungsteam zum Thema Ernährung vom Büro eines Bürgermeisters um Policy-Beratung gebeten wurde. In kleinen Gruppen ordneten die Teilnehmenden fiktive Aussagen von Teammitgliedern den idealtypischen Beratungsrollen zu, wie sie in Roger Pielke Jr.s „The Honest Broker“ konzeptualisiert wurden (pure scientist, arbiter, issue advocate und honest broker).

Beide Übungen endeten mit einer interaktiven Plenardiskussion. 20 Studierende und Nachwuchsforschende nahmen an der Veranstaltung teil.

 

Schritt 3: Auswertung und Feedback der Teilnehmenden

Das Feedback der Teilnehmenden fiel sehr positiv aus. Für viele Studierende und Nachwuchsforschende war die Arbeit mit konkreten Szenarien eine neue Erfahrung. Die Veranstaltung erwies sich als äußerst effektive und locker gestaltete Möglichkeit, einen Einstieg in das Thema wissenschaftliche Politikberatung zu ermöglichen. Zwar haben wir keine formale Evaluation durchgeführt, doch die abschließende Diskussion brachte eine produktive Kontroverse zwischen der Wissenschaftlichung der Politik und der Politisierung der Wissenschaft zum Vorschein, einen Gegensatz, den wir bewusst thematisiert hatten. Die Studierenden beteiligten sich aktiv an dieser Diskussion und reflektierten über die Notwendigkeit, als Forschende ein Selbstverständnis für ihre mögliche Rolle als Beratende zu entwickeln und gleichzeitig die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Politikberatung anzuerkennen. Die Tatsache, dass dieser Raum für Selbstreflexion spontan als Reaktion auf die Beiträge der Teilnehmenden entstand, wurde im Nachhinein positiv aufgenommen.

Die Veranstaltung lässt sich problemlos in juristische Lehrveranstaltungen oder die die Ausbildung von Promovierenden integrieren.

 

Aufgaben und Ressourcen: Kurze Beschreibung der Aufgaben und Ressourcen, die Wissenschaftler, Wissensvermittler/Forschungsmanager und Akteure in Politik und Verwaltung benötigen

Workshop-Moderatoren

Wir benötigten etwa 3–4 Stunden für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Veranstaltung. Die vom ENGAGEgreen-Projektteam bereitgestellten Unterrichtsmaterialien waren sehr hilfreich und intuitiv anzuwenden.

Teilnehmende Forschende und Studierende

Die Teilnehmenden mussten sich nicht vorbereiten. Sie mussten lediglich einen Laptop mitbringen, um an den beiden Übungen teilzunehmen.

Akteure in Politik und Verwaltung

Da wir diese Veranstaltung zum ersten Mal durchführten, haben wir sie bewusst einfach gehalten: Wir haben keine externen Akteure in Politik/Verwaltung eingeladen, da die Frühjahrsschule in Pisa stattfand, fernab von unseren  Netzwerken in Frankfurt. Im Nachhinein sehen wir jedoch einen klaren Mehrwert darin, zukünftig Akteure aus Politik und Verwaltung einzubeziehen, insbesondere junge Mitarbeitende, die möglicherweise ebenso daran interessiert sind, ihre Bedarfe an wissenschaftlicher Expertise mit Promovierenden und Masterstudierenden zu teilen. Für Einrichtungen, die dieses Format außerhalb ihrer Heimatstadt nachahmen möchten, lautet unser Rat, frühzeitig Kontakt zu Akteuren in Politik/Verwaltung mit Verbindung zu den jeweiligen Einrichtungen aufzunehmen.

Möchten Sie mehr über das Policy Engagement Toolkit erfahren?

Möchten Sie Ihre Erfahrungen im Bereich des Austauschs zwischen Wissenschaft und Politik und Verwaltung teilen? Möchten Sie einen Beitrag zum Policy Engagement Toolkit leisten? Dann wenden Sie sich gerne an Tome Sandevski unter science-policy@pvw.uni-frankfurt.de

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