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Science Sparring: „Policy Red Teaming“, entwickelt an der Finnischen Akademie der Wissenschaften und Literatur


Die wichtigsten Merkmale auf einen Blick

  • „Policy Red Teaming“ durch moderierte Diskussionen, in denen Forschende frühe Entwürfe politischer Maßnahmen aus der Perspektive wissenschaftlicher Erkenntnisse und Fachkompetenz prüfen und kommentieren
  • Betont die Interdisziplinarität, wodurch sich das Verfahren insbesondere für komplexe systemische politische Themen eignet, bei denen die Erkennung von Wechselwirkungen zwischen politischen Fragestellungen entscheidend ist
  • Stellt die politische Relevanz in den Vordergrund, indem der Wissensbedarf klar definiert und die Diskussionen an konkreten politischen Problemen ausgerichtet werden
  • Wissensvermittelnde ermöglichen den Prozess, indem sie Vertrauen zwischen den Teilnehmenden aufbauen und sowohl Forschenden als auch Vertretenden aus Politik und Verwaltung die Teilnahme erleichtern
  • Auf nationaler Ebene validiert durch gemeinsame Entwicklung und Erprobung mit acht finnischen Ministerien, wobei erfolgreiche Pilotprojekte auf regionaler und kommunaler Ebene durchgeführt wurden

Wie funktioniert das Format?

„Science Sparring“ stärkt die Evidenzbasis der Politikgestaltung, indem es Forschende und politisch Verantwortliche bereits in der entscheidenden frühen Phase zusammenbringt, in der sinnvolle Anpassungen noch möglich sind. Es wurde von Wissensvermittlern sorgfältig konzipiert, sodass die Teilnahme sowohl für Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung als auch für Forschende einfach und zeiteffizient ist.

Die Kernmethodik von „Science Sparring“ basiert auf dem „Policy Red Teaming“ (siehe z. B. Zhang & Gronwall, 2020). Im Wesentlichen bedeutet dies, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen frühe Entwürfe politischer Dokumente, die von Akteuren aus der Politik vorgelegt werden, prüfen und kommentieren. Der Prozess simuliert ein kontroverses Wissenschafts-Politik-Umfeld, jedoch in einem konstruktiven Rahmen, der darauf ausgelegt ist, für die Politik relevante Erkenntnisse zu generieren.

Eine Schlüsselrolle bei Science Sparring spielen vorbereitende Dokumente wie Grundsatzpapiere, Arbeitsgruppennotizen, Textentwürfe und Materialien zur Wirkungsanalyse. In den Diskussionen prüfen und kommentieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Rahmenpapiere aus der Perspektive wissenschaftlicher Evidenz und Fachkenntnis.

Die Stärke dieses Ansatzes liegt in seiner Fähigkeit, blinde Flecken und Annahmen ans Licht zu bringen, die andernfalls möglicherweise unberücksichtigt blieben. Durch die Schaffung eines kontrollierten „Stresstests“ für frühe Entwürfe kann „Science Sparring“ genutzt werden, um bekannte Unbekannte und unbekannte Bekannte aufzudecken.

Tatsächlich können frühzeitige Eingriffe in den Entwurfsprozess unter Einbeziehung wissenschaftlicher Expertise dazu beitragen, fehlende Perspektiven aufzudecken, die einer weiteren Überprüfung und genauen Betrachtung bedürfen:

  • Risiken oder Nebenkosten im Zusammenhang mit den politischen Maßnahmen
  • die Machbarkeit politischer Ziele und Lösungen
  • problematische Formulierungen von Konzepten oder Annahmen zur Kausalität
  • Wechselwirkungen, die einen erweiterten Konsultationsrahmen erfordern

Die Entwicklung der Methode begann nach Gesprächen mit Akteuren aus der Politik und Verwaltung, in deren Verlauf erkannt wurde, dass neue interaktive Modelle zur Unterstützung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik benötigt werden.

Seit 2020 wurde das Modell im Rahmen gemeinsamer Pilotprojekte mit elf Organisationen in Finnland entwickelt und getestet, von denen acht Ministerien sind. Die Entwicklung des Modells in Zusammenarbeit mit Ministerien hat dazu beigetragen, das Modell zu validieren und seine Kernelemente zu verfeinern. Zwar hat das Modell noch keine formelle rechtliche Grundlage, doch empfiehlt der Bericht der finnischen Regierung über die Zukunft (2019–2023) eine breitere Anwendung von „Science Sparring“ in den politischen Vorbereitungsprozessen der Ministerien.

Die meisten „Science Sparring“-Prozesse beginnen mit einem durch Akteure aus der Politik identifizierten Wissensbedarf. Diese politikgetriebene Einleitung ist zwar nicht zwingend erforderlich, trägt jedoch dazu bei, das Engagement und die Einbindung der politischen Vertretenden in den Prozess sicherzustellen.

Wenn Forscher „Science Sparring“-Prozesse vorschlagen, investieren Wissensvermittelnde in der Regel mehr Aufwand und Fachwissen, um diese Vorschläge mit laufenden politischen Prozessen zu verknüpfen.

 

Die verschiedenen Phasen des „Science Sparring“

Definition des Wissensbedarfs

Der Prozess beginnt mit der Definition des genauen Wissensbedarfs und der Faktoren, die diesen Bedarf beeinflussen (wie beispielsweise politische Konflikte). Wissensvermittelnde moderieren diesen Prozess in enger Zusammenarbeit mit Vertretern und Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung in den Ministerien.

Gleichzeitig werden die Ziele der „Science Sparring“- Veranstaltung mit dem Ministerium (oder einem anderen politischen Akteur) geklärt, einschließlich des Zeitrahmens, des Endergebnisses und des „Boundary Object“. Es wird ein Partnerschaftsplan erstellt, der den vereinbarten Wissensbedarf, die Ziele und die logistischen Vorkehrungen dokumentiert.

 

Auswahl der Teilnehmenden

Mitarbeitende im Wissenstransfer stellen eine optimale multidisziplinäre Gruppe von Forschenden zusammen (in der Regel 4–10 Teilnehmende). Die Forschenden müssen nicht der Finnischen Akademie der Wissenschaften angehören; stattdessen suchen die Mitarbeitenden im Wissenstransfer die besten Expertinnen und Experten für das jeweilige Thema aus. Oft sind die ausgewählten Forschenden an einer Vielzahl von Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig.

Zu den bewährten Vorgehensweisen gehört es, gemeinsam mit den Anwendern der Ergebnisse in Politik und Verwaltung zu erörtern, welche wissenschaftlichen Disziplinen einbezogen werden sollten, um somit sicherzustellen, dass die Sparring-Veranstaltung ihre Ziele erreicht.

Der persönliche Kontakt und die Einweisung sowohl der Vertretenden aus Politik und Verwaltung als auch der Forschenden in das „Sparring“-Format sind für einen erfolgreichen Dialog unerlässlich.

 

Vorbereitung

Dazu gehört die Formulierung von Workshop-Fragen, idealerweise in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten in den Ministerien. Diese Fragen sollten den Forschenden im Voraus zur Verfügung gestellt werden, damit auch sie wissen, was von ihnen erwartet wird.

 

Workshops

Die Workshops sind darauf ausgelegt, ein vertrauensvolles Umfeld zwischen Forschenden und Vertretenden aus Politik und Verwaltung zu schaffen. Mitarbeitende im Wissenstransfer gestalten das Format, moderieren die Diskussionen und sorgen für einen reibungslosen Ablauf. In der Regel besteht das Format aus kurzen Einführungsvorträgen (einschließlich der Ziele und Grundregeln für den Tag), gefolgt von Gruppendiskussionen rund um das „Boundary Object“.

Je nach Wissensbedarf kann die „Sparring“-Veranstaltung aus einem oder mehreren Workshops bestehen, die in der Regel zwischen drei und sechs Stunden dauern.

 

Endergebnis

Die Initiatoren des Science-Sparring-Prozesses benötigen in der Regel ein klares Endergebnis, das verschiedene Arten von Wissen zusammenfasst. Die spezifischen Anforderungen an das Endergebnis müssen während des gesamten Dokumentationsprozesses der Workshop-Inhalte sorgfältig berücksichtigt werden.

Sofern nicht anders angegeben, wird das Endergebnis stets veröffentlicht, um die Transparenz des Prozesses zu erhöhen. Da die Wissensvermittelnden für die Zusammenführung des Endergebnisses verantwortlich sind, wird dieses stets mit den Forschenden abgeglichen, um sicherzustellen, dass es keine fehlerhaften Interpretationen der Gespräche enthält.

 

Herausforderungen

Diskretion | „Science Sparring“ erfordert einen Raum für Erkundungen, in dem auch Raum für Abschweifungen im Austausch besteht. Dies wird schwierig, wenn Dritte (z. B. Stakeholder und Interessengruppen) anwesend sind, da sich Gespräche schnell von einer konstruktiven Erkundung zu einer konfrontativen öffentlichen Darbietung wandeln können. Zwar ist der geschlossene Charakter dieser Konferenzen für einen offenen Dialog notwendig, doch entstehen dadurch Transparenzpflichten. Diesen kann beispielsweise dadurch Rechnung getragen werden, dass sowohl die Ergebnisse als auch die Teilnehmenden Liste veröffentlicht werden und Wissensvermittelnde dazu ermutigt werden, ihre Rolle im Prozess offen zu dokumentieren.

Vertrauen | Der im „Science Sparring“ integrierte besondere Rahmen erfordert ein außergewöhnlich hohes Maß an Vertrauen unter den Teilnehmenden. Die für die Gesetzesausarbeitung zuständigen politisch Verantwortlichen müssen bereit sein, ihre ersten Entwürfe offenzulegen und ihre vorläufigen Überlegungen darzulegen, einschließlich potenzieller Mängel und Wissenslücken. Ohne das gegenseitige Verständnis, dass Kritik als Instrument für eine bessere Politik dient, können Interaktionen schnell destruktiv statt konstruktiv werden.

Ressourcenintensität | Der Prozess und seine Planung, insbesondere bei der Definition des Wissensbedarfs, können recht umfangreich sein. Wissensvermittelnde sollten diese Planung leiten und sicherstellen, dass der Zeitaufwand für die Forschenden auf ein Minimum beschränkt bleibt, um deren qualitativ hochwertige Beteiligung und Motivation zur Teilnahme zu maximieren.

Optimale Gruppengröße | Die Größe der Workshop-Gruppen erfordert sorgfältiges Management. Gruppen mit mehr als 20 Teilnehmenden leiden häufig unter Absagen und nachlassendem Engagement. Eine kompaktere Gruppengröße fördert einen qualitativ hochwertigeren Dialog und einen sinnvolleren Austausch zwischen den Teilnehmenden.

Umgang mit Hierarchien und bestehenden Spannungen | Bestehende Hierarchien zwischen den Teilnehmenden können den offenen Austausch untergraben, den „Science Sparring“ erfordert. Wissensvermittelnde müssen diese Dynamiken während der Planung aktiv erkennen und strukturierte Dialogtechniken einsetzen, um diese Spannungen zu bewältigen.

 

Aufgaben und Ressourcen

Mitarbeitende im Wissenstransfer

Mitarbeitende im Wissenstransfer begleiten den Prozess und ermöglichen offene Diskussionen. Ihre Rolle als fachkundige Moderatoren ist von der frühen Bedarfsermittlung bis zur Moderation von entscheidender Bedeutung, da sie den Wissensbedarf klären, geeignete Teilnehmende identifizieren und diese einweisen, die Workshop-Struktur und die Vorbereitungsmaterialien ausarbeiten, Diskussionen moderieren und das Endergebnis koordinieren.

 

Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung

Die Motivation der Akteure aus Politik und Verwaltung ist entscheidend für den Erfolg. Effektive „Science Sparring“-Veranstaltungen sind in der Regel bedarfsorientiert und werden von Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Verwaltung mit bestehendem Wissensbedarf initiiert.

Diese Personen sollten offenbleiben und sich während des gesamten Prozesses aktiv beteiligen, da der Grad ihres Engagements in direktem Zusammenhang mit dem erzielten Nutzen steht. Vor allem sollten sich die Akteure aus Politik und Verwaltung, insbesondere diejenigen, die für das Thema verantwortlich sind, als Experten verstehen, die wertvolles Wissen in die Diskussion einbringen und nicht als passive Empfänger akademischer Beiträge.

Je nach Art des „Sparring“ und dessen Gestaltung können Vertretende aus Politik und Verwaltung Referatsleiter, Abteilungsleiter oder sogar beides sein.

 

Forscherinnen und Forscher

Forschende bringen interdisziplinäres Fachwissen in die Diskussion ein und geben konstruktives, kritisches Feedback zum Strategiepapier, das daraufhin verfeinert wird. Während der Diskussionen werden die Forschenden gebeten, anzugeben, ob ihr Beitrag auf peer-review Forschung oder auf einer Expertenschätzung basiert.

 

Beispiele für „Science Sparring“, durchgeführt von der Finnischen Akademie der Wissenschaften und Literatur

Wissensdatenbank zu körperlicher Aktivität, Sport und Spitzensport (Ministerium für Bildung und Kultur), 2025

Überwachungs- und Evaluierungsplan für staatliche F&E-Fördermittel (Kanzlei des Ministerpräsidenten), 2024

Systemanalyse des demografischen Wandels (Kanzlei des Ministerpräsidenten, Programm „DEMOGRAPHY“), 2024

Umsetzung der Renaturierungsverordnung (Umweltministerium, Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Wissenschaftsgremien), 2024

Ökologische Vernetzung (Umweltministerium), 2023

Vorbereitung des Gesetzes zur biologischen Vielfalt (Umweltministerium), 2023

Nationaler Klimaanpassungsplan (Ministerium für Land- und Forstwirtschaft), 2022

Architekturpolitisches Programm (Ministerium für Bildung und Kultur, Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung sowie Umweltministerium), 2021

Fahrplan für einen fossilfreien Verkehr (Ministerium für Verkehr und Kommunikation), 2021

Strategie für den öffentlichen Sektor (Finanzministerium und Verband finnischer Gemeinden), 2020

Reform des Naturschutzgesetzes (Umweltministerium), 2020–2021

Nationaler Verkehrsplan (Ministerium für Verkehr und Kommunikation), 2020

Klimabezogene Folgenabschätzung (Umweltministerium, Justizministerium), 2020

Umsetzung der Re-Naturierungsverordnung (Umweltministerium, Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Wissenschaftsgremien), 2024.

Bild: Aleksi Kylmälahti, Finnische Akademie der Wissenschaften und Literatur.

 

Umsetzung der Re-Naturierungsverordnung (Umweltministerium, Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Wissenschaftsgremien), 2024.

Bild: Aleksi Kylmälahti, Finnische Akademie der Wissenschaften und Literatur.

 

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