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Die „Gesunde Ernährung“-Challenge: Fünf Forschende, fünf Meinungen

Sie sind Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin und Mitglied einer interdisziplinären Forschungsgruppe zum Thema „Gesunde Ernährung“, der Fachleute aus den Bereichen Rechtswissenschaften, Ernährungswissenschaft, Agrarwissenschaft, Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Kommunikationswissenschaft angehören.

Das Büro des Oberbürgermeisters hat gerade eine Kampagne gestartet, um das Image Ihres Wohnortes zu verbessern. Die Stadt, in der Sie wohnen, soll als Zentrum für gesunde, regionale und Bio-Lebensmittel bzw. Küche wahrgenommen werden. Nur wenige Tage nach Beginn der Kampagne veröffentlicht ein Marktforschungsinstitut eine Umfrage zum Fast-Food-Konsum im ganzen Land. Die Ergebnisse sind peinlich: Ihre Stadt hat den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an ungesundem Fast Food im ganzen Land. Die Medien greifen die Geschichte schnell auf, und in den sozialen Netzwerken tauchen zahlreiche Memes auf, die sich über die Essgewohnheiten Ihrer Stadt lustig machen.

Der örtliche Ärzteverband reagiert mit einem offenen Brief, in dem er warnt, dass die Anzahl ernährungsbedingter Erkrankungen in Ihrer Stadt deutlich über dem nationalen Durchschnitt liege. Der Brief verweist auf die hohe Dichte an Fast-Food-Ketten und fordert den Bürgermeister auf, konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Der offene Brief wird in den Medien häufig zitiert und von den Oppositionsparteien im Stadtrat aufgegriffen.

Der Ortsverband des Verbraucherverbands fordert ein Verbot von Fast-Food-Werbung und eine höhere Besteuerung von Fast-Food-Ketten. Er schlägt außerdem vor, dass die Kommunalverwaltung Restaurants, die gesunde Lebensmittel anbieten, durch die Vermietung von kommunalen Gebäuden zu Mieten unter Marktniveau subventionieren sollte. Elternverbände und Umwelt-NGOs unterstützen diese Forderungen.

Die Oppositionsparteien gehen noch weiter und bezeichnen die Kampagne des Bürgermeisters als elitär: Die Förderung von Bio- und regionalen Lebensmitteln sei zwar schön und gut, argumentieren sie, aber was ist mit den Bürgerinnen und Bürgern, die sich das einfach nicht leisten können?

Der Verband der Fast-Food-Ketten mischt sich bald in die Debatte ein und wehrt sich gegen die seiner Ansicht nach unfaire Schuldzuweisung. Der Verband argumentiert, dass seine Restaurants eine große Auswahl an gesunden Gerichten zu Preisen anbieten, die für jedes Budget erschwinglich sind. Der Verband macht zudem deutlich, dass er rechtliche Schritte gegen die Kommunalverwaltung einleiten wird, sollten die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden.

 

Vor diesem Hintergrund wendet sich das Büro des Oberbürgermeisters an Ihre interdisziplinäre Forschungsgruppe und bittet Sie, Handlungsempfehlungen zu formulieren, um eine gesunde Ernährung in Ihrer Stadt zu fördern. Sie erhalten auch gleich eine Fördervereinbarung. Die Fördervereinbarung gewährt Ihnen volle Unabhängigkeit – nur Sie entscheiden, was in die Empfehlungen aufgenommen wird und wann diese veröffentlicht werden. Sie müssen diese nicht mit dem Büro des Oberbürgermeisters abstimmen. Die Rechtsabteilung Ihrer Universität prüft die Vereinbarung und hat nichts am Vertragsentwurf zu beanstanden. Sie sind mit dem vorgeschlagenen Budget zufrieden.

Sie legen die Anfrage Ihrer Forschungsgruppe vor. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein:

Person 1: „Unsere Aufgabe ist die Grundlagenforschung. Wir veröffentlichen in Peer-Review-Zeitschriften, so machen wir Karriere in der Wissenschaft und leisten so Beiträge zur Wissenschaft. Handlungsempfehlungen zu formulieren ist nicht unsere Aufgabe, und es existieren bereits Leitlinien zum Thema gesunde Ernährung. Das Büro des Oberbürgermeisters findet diese auch leicht im Internet. Dafür brauchen die uns nicht. Außerdem habe ich kein Interesse daran, in einen Rechtsstreit mit einer Fast-Food-Kette hineingezogen zu werden.“

Person 2: „Wir können nicht ignorieren, dass unsere Forschung öffentlich finanziert wird. Eine ungesunde Ernährung hat schwerwiegende Folgen für das Leben der Menschen, und wir verfügen über das Wissen, um zu helfen. Ich schlage vor, dass wir eine interaktive Karte oder App entwickeln, mit der die Einwohner den Nährwert der in der ganzen Stadt angebotenen Mahlzeiten einschätzen können. Auf diese Weise befähigen wir die Menschen, fundierte Entscheidungen zu treffen, ohne dabei einzelne Restaurants herauszugreifen oder anzugreifen.“

Person 3: „Eine App, die nur Nährwertbewertungen anzeigt, reicht nicht aus. Wir müssen konkrete Gerichte und die dazugehörigen Lokale nennen. Besondere Aufmerksamkeit sollten wir dabei Gastronomiebetrieben widmen, die Allergien oder Nahrungsunverträglichkeiten berücksichtigen und auch für Menschen offenstehen, die aus ethischen oder religiösen Gründen bestimmte Speisen nicht essen. Auch die ökologische Dimension dürfen wir nicht außer Acht lassen: Der CO₂-Fußabdruck unserer Ernährung spielt eine Rolle. Unsere Stadt hat einige hervorragende Restaurants, die regionale und biologische Speisen servieren, und wir sollten sie unterstützen. Ich empfehle daher, Restaurants mit gesunder Küche zu subventionieren, Fast-Food-Ketten zu besteuern und ihnen die Werbung für ihre Produkte zu verbieten.“

Person 4: „Restaurants mit gesunder Küche sind in der Regel teuer. Die Förderung von Bio-Lebensmitteln, die sich die meisten Menschen nicht leisten können, löst kein Problem. Außerdem sind Fast-Food-Ketten wichtige Arbeitgeber in unserer Stadt; ihnen wirtschaftlich zu schaden, würde auch viele Familien in unserer Gemeinde treffen. Ich finde die Idee eines Leitfadens gut, aber jeder Leitfaden, den wir erstellen, muss für Menschen mit knappen Budgets wirklich nützlich sein, sonst verstärken wir nur den von der Opposition bereits kritisierten Elitismus.“

Person 1: „Und wenn wir anfangen, erschwingliche gesunde Optionen zu empfehlen, werden wir die Menschen unweigerlich auf Fast-Food-Restaurants hinweisen. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: ‚Forschende empfehlen McDonald’s!‘ Wir werden in der akademischen Gemeinschaft zur Lachnummer. Schlimmer noch: Wir liefern der Opposition genau die Munition, die sie braucht, um den Oberbürgermeister zu schädigen. Ich will nichts damit zu tun haben, unsere Forschung zu politisieren.“

Person 5: „Ich halte die App-Idee nach wie vor für vielversprechend – aber nur, wenn wir über reine Nährwertbewertungen hinausgehen. Wir könnten es ermöglichen, nach Preis, Ernährungsweise und Herkunft der Zutaten zu filtern. Dieser Ansatz spricht sich weder für noch gegen ein bestimmtes Restaurant aus. Er gibt den Menschen lediglich die Mittel an die Hand, um ihre eigenen fundierten Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus könnten wir eine Reihe von politischen Empfehlungen entwerfen, in denen die Auswirkungen von Steuern, Werbeverboten und Subventionen dargelegt werden, wobei wir die Vor- und Nachteile jeder Maßnahme erläutern und es der Gemeinde überlassen, zu entscheiden, welche davon umgesetzt werden sollen.“


Tome Sandevski

Tome Sandevski ist Programmmanager Science-Policy Dialog an der Goethe-Universität Frankfurt und koordiniert die gemeinsamen Policy-Dialogformate der Rhein-Main-Universitäten (Frankfurt, TU Darmstadt und Johannes Gutenberg-Universität Mainz). Er konzipiert und leitet regelmäßig Fortbildungen zur wissenschaftlichen Politikberatung für Forschende und WissenschaftsmanagerInnen.

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